Am Anfang

Am Anfang war die Erde wüst und leer und jeder wurstelte für sich selbst. Eines Tages kam eine Gruppe von Menschen zusammen, sie kannten sich nicht. Aber dann sprachen sie miteinander und vertrauten sich. Und so einigten sie sich: Ein Brot solle so viel Wert sein wie zwei Fische, wie ein halbes Laib Käse und wie zwei Stunden Arbeit eines Zimmermanns. Und so tauschten sie untereinander und entwickelten ihre Expertise. Es musste niemand mehr morgens selbst für den Tag ein Brot backen, selbst für das Abendessen einen Fisch fangen und selbst die Ziege melken und Käse schöpfen um Abends gerade noch etwas Zeit zu finden, um noch ein paar Reparaturen am Haus zu machen. Nein. Einer wurde Bäcker, einer Fischer, einer der Käser und einer der Zimmermann, weil sie wussten, dass sie ihre Arbeit beim Andern tauschen konnten. Und dadurch wurden sie besser und effektiver. Der Bäcker zum Beispiel schafft in seiner Großbäckerei heute über 10.000 Brote am Tag. Weiterlesen „Am Anfang“

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Genug ist genug

„So viele Erdbeeren kannst Du doch gar nicht essen, Harald! Hör auf! Das reicht jetzt aber!“ Sybille wurde immer energischer. Harald hörte aber nicht auf. Das siebte Schälchen Erdbeeren wanderte noch in den Einkaufswagen. Dann schob Sybille den Wagen einfach weiter und Harald kam mit noch zwei Schälchen in der Hand hinterher gelaufen. „Aber Du weißt doch, wie sehr ich Erdbeern liebe.“, versuchte er sich zu erklären. Sybille schaut ihn streng an: „Ja, aber weißt Du denn wie viel so frische Erdbeeren kosten?“ – „Naja, die kosten halt so viel wie sie kosten. Jetzt grad im Sommer ja nicht so viel. Die Preiskurve ist ja für saisonale Produkte über’s Jahr entsprechend angepasst.“ Damit schien sich Sybille erstmal zufrieden zu geben. Sie schielte nach unten durch ihre Brille auf den Einkaufszettel und beendete die Diskussion – irgendwie auch eher für sich – in dem sie beruhigt feststellte: „Naja, so ein paar Erdbeeren, das geht schon mal. Wir sparen ja immer noch genug. Da kann man sich auch mal was gönnen.“ Harald wollte seine Niederlage aber nicht ganz auf sich sitzen lassen und stichelte: „Jaja, ’wir sparen genug’. Das sagst Du immer so. Hast Du dir mal überlegt, wie das wäre, wenn das alle so machen? Jeden Monat mehr als 10% auf die hohe Kante zu legen! Wenn niemand Geld ausgibt, dann kommt auch keins wieder rein. Und wenn wir bei uns im Geschäft was verkaufen wollen, dann müssen wir unser Geld auch mal woanders ausgeben.“ Sybille ließ sich nicht beeindrucken. Ganz ruhig, fast schon nebenbei, aber irgendwie schnippisch, erklärte sie Harald, was sie bei der Wirtschaftsschulung letzte Woche gelernt hatte: „Falsch lieber Harald. Es ist im neuen System für die Volkswirtschaft ganz egal wie viel wir sparen. Das wird ja durch die Sparquote ausgeglichen.“ Weiterlesen „Genug ist genug“

Vom Reisen und Gerissen werden

Konzernzentrale, Marmorwände, sterile Kunst aus dem 3D Drucker. Geschäftig eilen die adretten Kostüme und schlank geschnittenen Anzüge durchs Foyer. Das Treiben in Schwarz-Weiß pulsiert durch die Gänge, die gläsernen Aufzüge, die Vorzimmer bis in den Besprechungsraum auf der Chefetage. Dort sammelt sich jeden Morgen der ausgewählte Kreis der Young Professionals. Während alle warten, beugt sich der eine Anzug zum andern: „In Berlin kostet der Kilometer mit den Öffies jetzt über ’nen Euro. Auch die Langstrecke, also Bahn und Flugzeug.“ Der andere beugt sich ihm entgegen: „Sind die verrückt? Dann kommen die Berliner Kollegen gar nicht mehr zum Strategie-Meeting. Die Reisestelle kommuniziert die aktuellen Zahlen ja schon jetzt mit diesem süffisanten Unterton.“ – „ Tja, da haben sich die Tegelretter offenbar doch durchgesetzt und können jetzt ihren alten Flughafen sanieren. Schneller wird der Flieger dadurch aber offenbar auch nicht. Da können Sie jetzt noch so viel Beinfreiheit haben. Wir warten doch schon wieder auf die Berliner, oder?“ „Ne, zum 9 Uhr Meeting kommen die doch nicht, weil der Flieger immer erst um 11 landet. Das ist ja der Witz: Die Reisekosten sind enorm und gleichzeitig kosten sie 150 Euro die Stunde, die sie an zwei halben Tagen die Woche in der Luft verbringen. Naja. Ich hab aber gehört, es soll vor allem an der BVG Kampagne für das WLAN in der U-Bahn gelegen haben.“, wird weiter getuschelt. Dann geht die Tür auf, es wird ruhig, der Chef kommt rein, zusammen mit den zwei Berliner Kollegen. Fragezeichen auf den Gesichtern. Die? Hier? Um die Zeit? Weiterlesen „Vom Reisen und Gerissen werden“

Ein guter Tropfen

Ein Fahrrad fährt auf den Parkplatz, hält direkt auf die Tür der Weinhandlung zu, bremst, biegt links ab und verschwindet aus dem Sichtfeld. Man hört die typischen Geräusche wenn jemand sein Fahrrad abschließt und der Typ kommt in den Laden. Kurz darauf: Ein SUV fährt auf den Parkplatz, hält direkt auf die Tür zu, bremst, biegt links ab und verschwindet aus dem Sichtfeld, das Motorgeräusch verstummt und der Typ kommt in den Laden. Beide trödeln teilnahmslos durch den Laden und schauen sich um. Laufen durch die Gänge, nehmen hier und da mal eine Flasche in die Hand. Lesen mal das Etikett auf der Vorderseite, mal das Etikett auf der Rückseite. Alles ganz normal. Dann fragt der eine: „Könnte ich diesen 2014er aus Kalifornien einmal probieren, bitte?“ Der andere schaut auf und etwas verstohlen aus dem Augenwinkel beobachtet er, wie der Händler die Flasche entkorkt, zwei Gläser bereitstellt, einschenkt und wie dann beide die Gläser auf dem Tisch in kleinen Kreisen schieben, damit der Wein ordentlich Luft bekommt. „Ein wunderbares Zimtaroma. Man muss wissen, dass 2014 in Kalifornien eigentlich keine gute Ernte war. Viel zu trocken. Aber das was dann produziert wurde, ist entsprechend sehr gut.“ Beide atmen tief in die Gläser. Beide atmen wieder aus. Beide atmen noch mal tief rein, nehmen einen guten Schluck und schauen sich dabei viel sagend in die Augen. Bevor beide ins Fachgespräch starten, tritt der Andere einen Schritt näher und fragt: „Äh, Entschuldigung, der scheint ja sehr gut zu sein. Was kostet der denn?“ Die beiden prusten los vor Lachen und der Händler spuckt beinahe durch den ganzen Laden. Weiterlesen „Ein guter Tropfen“

Same same, but different

„Naturechter Glanz oder strahlender Glanz.“ sagte sie, hielt mir beide Shampooflaschen mit ausgestreckten Armen auf den offenen Handflächen entgegen, wie man es ihr wahrscheinlich bei der letzten Schulung beigebracht hatte. „Beide haben den Conditioner schon mit eingebaut und sind greenwell zertifiziert.“ Ich schaute sie mit großen Augen an, runzelte die Stirn und kratze mich am Kopf. Ich war eindeutig überfordert. Früher hätte ich ja einfach das günstigere genommen. Jetzt kosten alle Shampoos 2,43. Und offenbar ist da genügend Marge enthalten, dass die Hersteller den Verkäufern in der Drogerie eine Verkaufsschulung gezahlt haben. Ich fühlte mich ratlos und auch ein wenig auf den Arm genommen. Ob nun naturechter Glanz oder strahlende Kraft auf der Flasche stand, war mir herzlich egal. Welche Chemikalien enthalten sind und dann besser oder schlechter für meine Kopfhaut oder die Umwelt wären, konnte sie mir aber nicht erklären. Und für ein eigenes Chemiestudium fehlte mir leider die Zeit. Sie versuchte es noch mal: „Kennen sie schon unsere Shinzou-Edition? Die kommt direkt aus Japan.“ – „Was für ein Schwachsinn!“, platzte es aus mir heraus, „Jetzt verschiffen sie schon das Shampoo um die halbe Welt? Jetzt mal ehrlich, wie viel verdient man denn an so einer Flasche, dass sie die Transportkosten für 9.000 km haben!“ Sie gab auf, stellte die Flaschen zurück und wurde auf einmal ganz geheimnisvoll. Mit gedämpfter Stimme sagt sie: „Sie haben schon recht, es ist totaler Schwachsinn. Soll ich ehrlich sein? Wissen sie, was wirklich den Unterschied ausmacht?“ Weiterlesen „Same same, but different“

Schnellkochtopf

„Heinz! Heinz! Hast Du das gesehen? Die Einladung zur Betriebsversammlung ist da: Mittwoch Nachmittag, während der Arbeitszeit, also nicht Abends nach Dienst wie sonst immer. Das heißt nichts Gutes.“ Ralf kam in den Pausenraum gelaufen, die Ärmel am Blaumann hochgeschlagen, die Schutzbrille auf der Stirn und den Stapel Briefe in der Hand, den er immer aus dem Sekretariat mitbrachte, um die Post in die Fächer der Kollegen zu verteilen. Als er die Tür hinter sich schloss, war es endlich wieder ruhig. Nur das tiefe Vibrieren aus der Produktionshalle drang noch durch. „Die schmeißen uns alle raus.“ sagte Heinz. Er drehte sich um und Ralph konnte sehen, dass der Brief an alle Mitarbeiter schon als Aushang im Pausenraum hing. Heinz war etwas blass und wirkte müde. Ein Zustand, den man bei dem leicht untersetzten Pausenclown nicht erwarten würde. Sonst war er immer für einen schlechten Witz zu haben. Aber jetzt war er ganz ernst. Er sprach sehr langsam: „In der Fußzeile ist das Logo von irgend so einer Beratungsfirma drauf. Weißt Du was das heißt? Umstrukturierung: noch mehr Fließbandarbeit, noch effizienter werden, noch billiger produzieren. Oder die machen den Laden hier gleich dicht. Solche Berater holt man nur, wenn man es selber nicht übers Herz bringt seine Mitarbeiter zu kündigen.“ Weiterlesen „Schnellkochtopf“

Hefte raus, Klassenarbeit!

Aufgabe 1: Beschreiben Sie das Bild und interpretieren Sie es.

Das Bild zeigt eine Karikatur, also eine metaphorische, zugespitzte Darstellung einer politischen Situation oder eines Ereignisses, zu der der Autor eine meinungsorientierte Aussage treffen möchte. Hier abgebildet sieht man den Kapitalismus, der, dargestellt als dickbäuchige Figur in Anzug mit Zylinder, rennend, schwitzend, dem Ende seiner Kräfte nahe, seine Arme ausstreckt, um eine Banane zu ergreifen, die vor ihm an einer Angel hängt. Gleichzeitig schaut er aber mit aufgerissenen Augen und Entsetzen hinter sich, wo eine Lokomotive mit dem Namen „Schulden“ ihn mit aufgerissenem Maul zu fressen und zu überfahren droht. Die Lokomotive bildet mit ihren Waggons einen Kreis: Am hinteren Ende hängt die erwähnte Banane an einer Angel, zum Greifen nahe vor dem Kapitalismus. In der Mitte des Zuges, hier im Hintergrund des Bildes, erkennt man luxuriöse Waggons, die reich verziert sind und als Aufschrift die Namen bekannter Banken und Investmentfonds tragen. Zwischen den Waggons und der Lokomotive ist der Wagen mit der Kohle, der allerdings mit kleinen, jungen Anzugträgern gefüllt ist, die als Marionetten in die Lokomotive getragen und dort verheizt werden. Aus dem Schornstein steigt Rauch, der den Schriftzug „Inflation“ bildet. Insgesamt ergibt sich somit ein dynamischer Kreis: Weiterlesen „Hefte raus, Klassenarbeit!“